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Lebenselixier Hoffnung

Erfahrungen einer Krebspatientin

Jetzt ist es 17 Jahre her, seitdem das Leben meiner Familie und mir seine uns bis dahin verschlossenen Türen des Leids öffnete und uns herausforderte. Völlig unvorbereitet wurden wir aus unserem vertrauten Alltag gerissen. Niemand hatte damit gerechnet, dass der Tod seine Krallen nach mir, die ich gerade erst 35 Jahre alt war, ausstrecken wollte. Ich hatte Brustkrebs im fortgeschrittenen Stadium. Meine Kinder waren gerade einmal drei, fünf und sieben Jahre alt. Meine Chancen standen schlecht, man gab mir eine Wahrscheinlichkeit von 15 Prozent zu überleben. Noch nie zuvor war mir so klar geworden, wie allein man sein kann, wenn man am Abgrund steht.
Von jetzt auf gleich gilt es eine neue Sprache, nämlich die der Krebserkrankung und der Therapie zu erlernen und ein gänzlich fremdes Land zu betreten – die Krebsstation in der Klinik, das onkologische Zentrum am Ort, aber auch ein Land der Ängste, der Ungewissheit, der Traurigkeit und der Einsamkeit.
Häufig werde ich heute gefragt, warum ich glaube, überlebt zu haben. Viele Menschen möchten am liebsten einen Leitfaden von mir. Sie wollen hören, wie man es schaffen kann, den Krebs zu besiegen.
Natürlich gibt es auf diese Frage keine einzelne und sichere Antwort. Heilung ist immer ein multifaktorielles Geschehen wie die Krankheitsentstehung auch. Ich hatte damals nach dem neuesten Stand der Wissenschaft alle notwendigen Therapien erhalten: Operation, Hochdosis-Chemotherapien, Antihormontherapie. Meine Familie war da, meine Freundin… Ich denke jedoch, dass die Hoffnung eine sehr wichtige, ja entscheidende Rolle gespielt hat, im Prozess wieder stark zu werden. Obwohl ich statistisch gesehen auf der Verliererseite stand, hatte ich mich für die Hoffnung entschieden. „Vielleicht schaffst du es ja!“, diesen Gedanken „drehte“ ich laut und begann ihn zu pflegen. Ich wurde aktiv, suchte nach Lösungen und entwickelte ganz eigene Strategien, um die Zügel für das Leben wieder in meinen Händen zu halten.
Die Hoffnung ist über die Jahre hinweg zu meinem ganz eigenen inneren Wegbegleiter geworden, den ich behüte wie einen Schatz und den mir auch niemand mehr wegnehmen konnte. Dieser Wegbegleiter war es, der mich kritisch, wissbegierig, achtsam, wachsam und fürsorglich zu mir selbst werden lassen. Und mit ihm ist mein Leben lebendig geblieben.
Es sind gerade die Ärzte, die es so sehr fürchten, dem Patienten möglicherweise falsche Hoffnungen zu machen, vor allem dann, wenn dieser ihnen mit einer schlechten Prognose und angsterfüllt die Frage stellt: „Wieviel Zeit bleibt mir noch?“ oder wenn der Patient all seine Hoffnung auf die Heilkräfte des Arztes projiziert und sagt: „Sie machen mich schon gesund“. Es ist für Mediziner durchaus eine schwierige Situation, wenn wir ihnen hoffnungsvolle Worte abverlangen, sie in die Rolle des allmächtigen Heilers drängen möchten, obwohl sie nicht über die Wunderwaffe gegen Krebs verfügen.
Natürlich sollte die Diagnose ehrlich übermittelt werden, aber die Wahrheit lässt sich eben auch mit Hoffnung verbinden. Es mag sicher sinnvoll sein, dass wir uns Gedanken über die Versorgung unserer Kinder oder über den Nachlass machen, wenn wir lebensbedrohlich erkranken, dennoch brauchen wir Hoffnung – Hoffnung für den Augenblick, der unsere Gegenwart mitbestimmt. Und ich denke, dass wir den Moment, in dem wir nicht mehr hoffen mögen, selbst bestimmen sollten. Aus „Das Recht der Sterbenden“ von David Kessler möchte ich zitieren:
 „Die Hoffnung ist ein Weg und kein Ziel. Ihr Wert liegt in der Erforschung. Die Hoffnung macht die Art und Weise aus, wie wir leben, und der Weg der Hoffnung sollte uns bis zu unserem Ende begleiten.“
                                                                     Annette Rexrodt von Fircks 

 
   
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